Wie bist du eigentlich im Verlag gelandet?

Eine Frage, die mir häufiger gestellt wird und die ich deshalb auch auf Schreibstil beantworten möchte.

Vorweg eine kleine Einschätzung von mir: Ich glaube nicht, dass es DEN einen Weg gibt, um Lektor im Verlag zu werden. Wichtige Voraussetzung sind meiner Meinung nach aber zum Beispiel Praktika, die nachweisen, das du schon erste Erfahrungen gesammelt hast. Und wieso ich glaube, dass man auch hartnäckig sein und dranbleiben muss, erzähle ich dir jetzt. 🙂

 

Ich habe mich damals für diesen Beruf entschieden, weil ich kreativ sein und gleichzeitig „was mit Zahlen“ machen wollte. Schon mein Studium, das sich Kulturwirt nennt, war so eine seltsame Mischung aus BWL, Linguistik und Kultur. Ich habe mich damals dafür entschieden, weil es so schön offen war und man gefühlt alles damit werden konnte. Außerdem macht man ja gerne nach, was die große Schwester erfolgreich vormacht, oder? 😉
Meine Illusion, mit dem Studium einen bezahlten und entfristeten Job im Kultur- oder
Tourismusbereich zu ergattern, wurde allerdings schon nach wenigen Semestern zerstört. Nämlich genau zu dem Zeitpunkt als wir in einem Pflichtseminar zum Thema „Berufswahl“ (ja, das gab’s tatsächlich für uns) die Dozentin meinte „Sie können sich mit dem Studium jetzt eine Tüte über den Kopf ziehen oder sie fangen an sich darüber Gedanken zu machen, wie Sie damit Arbeit finden“.
Unglücklicherweise war mit meinem Studiumsende auch das Kulturhauptstadtjahr in Essen vorbei. Das Jahr war eine super Gelegenheit für tolle Nebenjobs, aber danach war gefühlt das ganze Geld ausgegeben und keine Einrichtung in der Lage, neue Leute anzustellen.

Tja, dann eben weiterstudieren. Oder nicht?

Dass ich lieber arbeiten anstatt studieren wollte, habe ich nach wenigen Wochen im Masterstudium gemerkt. Also wurde das wieder hingeworfen – meine Eltern waren begeistert. Doch innerlich wuchs langsam ein Plan B heran, den ich mich nie getraut habe, wirklich auszuprobieren. Schon immer fand ich Bücher spannend und war fasziniert davon, wie sie entstehen. Aber im Verlag arbeiten? Das will doch gefühlt jeder und da kommt man einfach nicht rein (Generation „Irgendwas mit Medien“)…
Naja, da Plan A ja eindeutig nicht funktionierte und das Masterstudium eher nach Plan Z aussah, musste und wollte ich versuchen, diesen Kindheitstraum zu verwirklichen. Und als hätte er es gespürt, rief mich auf meine Initiativbewerbung ein Kinderbuchverlag an. Ihnen war kurzfristig der Praktikant abgesprungen, ob ich sofort einsteigen könnte.

Also weg mit dem Masterstudium und auf ins Praktikantenleben.

Dass es in dem Verlag keine langfristige Zukunft für mich gibt, war leider von Anfang an
klar: Die Volontariate sind auf Jahre im Voraus vergeben und fest verplant. Trotzdem bin ich jeden Tag von Duisburg nach Münster gependelt und habe gefühlt mehr Zeit im RE als im Büro verbracht – aber ich wollte möglichst viel aus dem Praktikum mitnehmen.

Nach Feierabend habe ich mir jeden Abend eine zwölfseitige Liste vorgenommen (unter anderem danke an Wikipedia für seine „Liste deutschsprachiger Verlage“) und jeden einzelnen Verlag angeschrieben. Bei denen ohne ausgeschriebene Stellen habe ich mich initiativ beworben.
Das Ergebnis war schließlich ein Volontariat in München! Schon seit ich klein bin, liebe ich die Berge und fahre jedes Jahr in die Region. Für mich also keine Frage:

  1. Ich habe keine Alternative.
  2. München ist schön.
  3. Ich wollte schon immer mal den Pott verlassen.

Schnell wurde die langjährige Freundin aus Fürstenfeldbruck angerufen und nur zwei Wochen später saß ich mit einem großen Koffer am Bahnhof und wartete auf sie. Zwei Monate habe ich auf ihrem Sofa gewohnt, bis ich meine eigene kleine Wohnung in München gefunden habe. Nach dem Volontariat habe ich übrigens noch etwas mehr als zwei Jahre für den Verlag gearbeitet. Aber nach fast vier Jahren Fernbeziehung zog es mich doch zurück nach NRW. Seitdem arbeite ich in einem Kölner Verlag und wohne wieder im Pott.

Tja, welche Tipps würde ich anderen mitgeben, die auch Lektor werden möchten?

Man sollte sich vorher bewusst sein, dass man als Lektor nicht nur liest und mit seinem Sprachgefühl arbeitet. Es gehören auch buchhalterische Aspekte dazu, zum Beispiel die Kalkulation eines Buchprojektes oder die Planung eines Marketingbudgets. Wer mit Zahlen und BWL gar nichts anfangen kann, sollte sich vielleicht noch mal überlegen, ob Lektor wirklich sein Beruf ist. Und als Lektor ist man nicht der Autor. 😉 Man sollte immer dran denken, dass sich jemand anderes vermutlich mit viel Herzblut ans Schreiben gemacht hat. Empathie ist deshalb auch ein ganz wichtiger Faktor bei diesem Job.

Einen kleinen Eindruck in den Arbeitsalltag bringt zum Beispiel dieses Video von 3Sat: 3Sat Mediathek

Wenn man aber wirklich Lektor werden möchte, sollte man hartnäckig bleiben und Ausdauer haben. Und es kann helfen um die Ecke zu denken: Schau dir zum Beispiel die Wikipedia-Liste der Verlage an oder google nach kleineren Verlagen. Ein Einstieg in die Branche muss nicht zwangsläufig über die Big Player geschehen!

Liebe Grüße

Su

 

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