Oder: Warum heutzutage erst Recht.

Ich gebe zu: Wenn die Arbeit im Lektorat so wäre, dass man tagsüber bei Sonnenschein mit den Autoren Kaffee trinkt, wäre es wohl einer der entspanntesten Jobs der Welt. Das Bild oben gibt die Realität nicht genau wieder (leider!). Es zeigt aber sehr schön, dass die gemeinsame Arbeit am Text ein Miteinander und kein Gegeneinander ist.

Die eigenen Werke im Selbstverlag zu veröffentlichen wird immer beliebter. Besonders für Hobbyautoren, die sich gerne in der Belletristik „austoben“, war es nie einfacher die eigenen Texte zu veröffentlichen. Amazon, Apple und Co. bieten alle Plattformen an, auf denen man die selbstgeschriebenen Bücher einer breiten Masse verkaufen kann. Und inzwischen tummeln sich sogar große Verlage in diesem Bereich und bieten beispielsweise die Möglichkeit an, auf ihren Seiten E-Books zu veröffentlichen, die bei Erfolg auch „richtig“ gedruckt werden.

Warum dann also noch ein Manuskript mit dem Stempel „unverlangt eingesandt“ an einen Verlag schicken, wenn es im digitalen Zeitalter so einfach geht? Diese – inzwischen fast schon rhetorische – Frage möchte ich heute nicht beantworten. Auch ich sehe die Vorteile des Selbstverlages und finde die Entwicklung spannend, vor allem für die Belletristik!¹

Dieser Beitrag heißt deshalb auch nicht „Wieso man heutzutage noch einen Verlag braucht“, sondern „Warum man heutzutage ein Lektorat braucht“ – mit ausdrücklicher Betonung der Lektoratsarbeit. Denn leider stellen sich bei mir regelmäßig die Zehnägel auf, wenn ich Romane aus dem Selbstverlag lese.

1. Rechtschreibung und Grammatik

Die Autokorrektur löst nicht jedes Problem! Und auch Freunde, die zum Korrektur lesen angeheuert werden, lesen nicht professionell genug. Es ist wichtig, dass jemand mit einer neutralen Sicht über die Texte liest. Ich lese die Texte meiner Autoren zum Beispiel zweimal: Einmal achte ich nur auf Grammatik und Rechtschreibung, einmal nur auf Inhalt und Sinn. Als Autor wird man irgendwann zwangsläufig betriebsblind: Man stellt zum Beispiel Sätze zum x-ten Mal um und irgendwo bleibt dabei ein Verb auf der Strecke oder der Satzbau wird seltsam. Wenn man einen Satz allerdings mehrmals liest, liest man irgendwann nur noch das, was man lesen möchte, nicht das, was dort wirklich steht. Wir kennen doch alle das schöne Beispiel mit dem Buchstabendurcheinander, oder?

Wir lesn nicht alle Buhcstabn einzln, sodnern als Wort.

Das Beispiel zeigt: Wir verstehen den Sinn und lesen das Richtige, weil unser Gehirn automatisch das Wort bildet solange Anfangs- und Endbuchstabe stimmen. Deshalb fallen uns beim x-ten Lesen gewisse Fehler auch einfach nicht mehr auf – die berühmte Betriebsblindheit setzt ein.

Problem: Der Leser liest den Text in der Regel zum ersten Mal und stolpert über falsche Rechtschreibung! Das verdirbt den Lesespaß und je mehr Fehler ein Text beinhaltet umso weniger Kompetenz wird irgendwann auch dem Autor zugesprochen … Wem macht es schon Spaß einen fehlerhaften Roman zu Ende zu lesen?

2. Sinn?

Wie wichtig es ist, den Sinn der Geschichte genau zu prüfen, habe ich im Kinderbuchverlag gelernt. Als Autor arbeitet man meist Monate an seinem Text – da fällt es einem vielleicht gar nicht auf, wenn der Junge, der vorher immer rote Chucks an hatte, auf einmal grüne Chucks trägt. Den Kindern, die das Buch allerdings in wenigen Stunden oder Tagen durchlesen, fällt das sofort auf!
Gleiches gilt auch für erwachsene Leser: Wenn im Krimi die Leiche auf einmal ein anderes Alter hat oder im Frauenroman der angehimmelte Schwarm auf einmal einen neuen Namen trägt, wird der Leser stutzig. Das Schlimmste daran: Die gesamte Handlung wird dadurch fragwürdig und die vorher mühsam erarbeitete Struktur funktioniert nicht mehr.

Umso ärgerlicher, wenn es nur an einem Namensdreher liegt, den niemand entdeckt hat, oder?

3. Zielgruppe/Altersgrenzen

Ein Aspekt, der eher in der Kinder- und Jugendliteratur wichtig ist, ist die richtige Handlung für das entsprechende Alter. Dürfen sich die Teenies im Jugendbuch für dreizehnjährige Mädchen küssen? Macht ein Bastelbuch für vierjährige Kinder Sinn, wenn man dafür eine Schere braucht? Solche Fragen können dir Lektoren am ehesten und schnellsten beantworten!

4. Den Lesefluss verbessern

Übrigens übernehmen Lektoren auch die Arbeitsschritte, die ich im Beitrag zum Thema „Offline korrigieren“ vorgestellt habe. Man kann also ganz praktisch gesehen auch viel Zeit und Arbeit sparen! 😉

 

Jetzt kannst du dir denken: Das ist mir alles egal, der Leser hat das Buch ja schon gekauft.

Darauf werde ich aber antworten: Wenn du noch mal ein Buch schreiben willst, wird sich das aber leider nicht mehr so gut verkaufen. Und in Zeiten der Internetbewertung kann auch der einzelne Hinweis eines Lesers andere Menschen vom Kauf abhalten. Also investiere lieber in einen Lektoren und lass dein Werk professionell „prüfen“ – zu zweit macht die Textarbeit auch noch mehr Spaß, weil man sich richtig intensiv austauschen kann. Vielleicht bei Sonnenschein im Café um die Ecke. 😉

¹Das große Aber:

Wenn du allerdings ein Fachbuch schreiben möchtest, rate ich dir, dich auf die Verlagssuche zu machen! Ein Verlag im Rücken steht im Bereich der Fachbücher noch immer für Qualität und Knowhow. Dein Buch bekommt eine ganz andere Reputation und Aufmerksamkeit, wenn du es in einem Fachverlag veröffentlichst! Gleichzeitig haben die Fachverlage häufig gute Kontakte zu Verbänden, Unternehmen und anderen Einrichtungen, so dass das Marketing für dein Buch deutlich besser und gezielter ankommt als beim eigenen „Klinken putzen“.