Hier kommt er, der am Dienstag versprochene erste Text. Ich muss zugeben, dass es sich noch ungewohnt anfühlt, ihn zu veröffentlichen. Ehrlich gesagt, bin ich nie zu 100 % zufrieden, obwohl ich weiß, dass man irgendwann einen Text ruhen und „gut sein“ lassen muss. Aber zur Weiterentwicklung gehört auch, dass man irgendwann Leser dranlassen muss, oder?
Deshalb: Viel Spaß beim Lesen 🙂 

La dolce vita

Sie mag ihren Job. Wirklich. Am Schönsten sind die strahlenden Kinderaugen, die mit jedem Eis, das sie über die Theke gibt, größer werden.

Sie arbeitet seit drei Jahren für Antonio in seiner echt italienischen Eisdiele. Das „Echt italienisch“ ist Antonio wichtig. Er würde enttäuscht sein, wenn sie hier nur von einer normalen Eisdiele schreiben würde.
Bei ihnen wird das Eis noch selbst gemacht, das heißt, sie rühren jeden Morgen aufs Neue die Sahne mit den besten und frischsten Zutaten zusammen. Sie liebt diesen Moment, denn Antonio lässt sie inzwischen auch selber neue Eissorten kreieren. Kakao mit Haselnuss, Praline und Blaubeeren ist zur Zeit ihr Favorit, aber jeden Tag bringt Antonio andere Dinge vom Markt mit. Schon oft mussten sich die Kunden mit neuen Eissorten anfreunden, weil Antonio nicht immer nur die selben Geschmacksrichtungen herstellen möchte. Sie wird nie die Blicke des morgendlichen Frauen-Seniorenstammtischs vergessen als er ihnen zum ersten Mal sein Basilikumeis präsentierte. „Eis mit Grünzeug?“, fragten die älteren Damen irritiert. Antonio tut solche Sprüche immer mit einem „Si, Si! Meine Nonna hätte es geliebt …“ ab, während er dabei zu ihrem Foto an der Wand schielt. Das überzeugt jedes Mal und so wurde auch das Basilikumeis schnell zu einem neuen Klassiker.

Es scheint als würde Nonna über die Eisdiele wachen. Ihre Augen verfolgen jeden Schritt, den man im Laden macht, und manchmal fühlt sie sich regelrecht beobachtet. Aber Nonna lächelt so verschmitzt, dass man ihr dafür nicht böse sein kann. Sie passt nur auf ihren Antonio auf.

Die Kunden lieben diesen Laden für seinen altmodischen, aber stilvollen Flair. Vor 20 Jahren sorgte es in dem Dorf noch für Aufregung, dass „der Italiener“ hier eine Eisdiele eröffnet. „Eis?“, fragten sich die Einwohner. „Davon soll man leben können?“
Heutzutage ist Luigi nicht mehr wegzudenken. Die Leute kommen zum Quatschen vorbei und wollen eine gute Zeit haben. Der kleine Laden katapultiert seine Gäste sofort in eine Welt, in das sonnige Italien – Kurzurlaub für 2,30 Euro.

Sie selbst hat nach dem Abitur als Kellnerin hier angefangen. Eigentlich war es als Sommerjob bis zum Studium gedacht, aber als die erste Absage kam und sie auf die Warteliste für einen Studienplatz kam, ist sie hier kleben geblieben.
Im Dorf wird sie dafür seltsam angesehen, sie kann die Leute hinter ihrem Rücken förmlich tratschen hören: „Das arme Ding macht nichts aus sich.“

Schade, dass sie niemand direkt darauf anspricht. Dann könnte sie ihnen sagen, dass sie gerne in dem Laden arbeitet und es liebt, den Menschen das Leben zu versüßen. Die Leute für einen Moment aus dem Alltag holen und ihre strahlenden, entspannten Gesichter sehen – das ist für sie die Kunst des Lebens. La dolce vita.

 

 

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